Rückblick: Gedanken Raum geben – ein nächtlicher Spaziergang durch Wald und Flur

„Also warum ist es erlaubt, ist das Motto, richtig? Also warum ist es erlaubt, das heißt so ein bisschen was wie, warum ist es nicht verboten? Okay, also etwas ist nicht verboten, wenn es keine Gefahr darstellt. Es ist die Frage: Was könnte oder würde eine Gefahr darstellen? Naja, ich würde sagen, etwas könnte – aber nicht müsste – eine Gefahr darstellen, das den Raum der vorgeschriebenen gesellschaftlichen Denkweise, also Einbildungskraft, Imagination übersteigt. Das mag man normalerweise nicht so gerne. (…) Das schwierigste ist eigentlich nicht die Frage, warum ist es nicht verboten, sondern: Warum ist es nicht sagbar?“

Mit diesen Überlegungen eröffnete in den Abendstunden des 14. Juli Dirk Schuck via Videoschaltung die Nachtwanderung im Rahmen der zweiten experimentellen Freiheitskonferenz im Zeitzer Umland. Dafür hatten sich etwa 25 Menschen, sowohl aus der Stadt Zeitz, als auch aus verschiedenen Ecken Deutschlands am zweiten Juliwochenende auf Kloster Posa zu einem Nachtspaziergang sowie einem Workshop getroffen – um gemeinsam über Freiheit nachzudenken und zu diskutieren.
Das Komitee für Lästige Bildung macht es sich seit 2017 zur Aufgabe, Leute zusammen zu bringen, um mittels experimenteller Kommunikationstechniken im ländlichen Raum nahe Zeitz das Thema Freiheit zu bearbeiten. In einer Gegenwart, in der sowohl die Optimierung des Invididuums, als auch der damit einhergehende gierige Genuss vermeintlicher Freiheiten ganz weit oben stehen, nehmen wir uns Raum, um genau das zu hinterfragen. Es geht dabei nicht darum, sich der Sache mit Frontalvorträgen, Whiteboards und langen Texten in einem kühl ausgeleuchteten Raum gewissermassen intellektuell zu nähern, sondern Menschen, die sonst nicht unbedingt in Austausch miteinander kommen, miteinander in Kontakt zu bringen, und dabei zugleich das Nachdenken von der Stadt aufs Land zu verlagern.
So kamen am 14. Juli zwischen den historischen Mauern des Klosters Posa – unter anderem – ein Physiker, ein Musiker, ein Zimmermann, eine Sprechwissenschaftlerin und ein Barbesitzer zusammen. Gemeinsames Tafeln und Kennenlernen eröffneten bei rotgelbem Abendsonnenschein die Veranstaltung. Für den später anberaumten Nachtspaziergang hatten alle Eingeladenen einen kurzen Beitrag zur Leitfrage des Abends im Gepäck: Warum ist es erlaubt? – Was macht Freiheit zur Unfreiheit?


Und so stieg die „Nachdenkgesellschaft” kurz vor Sonnenuntergang mit Taschenlampen, Jacken und Proviant ausgestattet, den Klosterberg hinab, an grasenden Ziegen vorbei, um durch die sommerlichen Wiesen und Wälder zu streifen. Die Stationen der Wanderung, waren zuvor mit Knicklichtern und mit Namen gekennzeichnet worden, die die Beiträge der Teilnehmenden in eine Reihenfolge brachten.
Kurz vor Sonnenuntergang stellte Christine Hunger am Ufer der Elster in Frage, ob der Mensch überhaupt über einen freien Wille verfüge. Im Anschluss daran, warf Patrick Michaelsen auf der Brücke Richtung Tiergarten einen Blick auf die Loslösung von allzu harschen, vorgefertigten Arbeitsroutinen, hin zu einer Befreiung des Tätigseins an sich. Beim Weitergehen gab es viel zu bereden, zu tuscheln, nachzufragen. Zum Eintritt in den Wald ließ Georg Nitschke aus dem Saxophon einige Töne in den Abendhimmel steigen, gefolgt von einem essayistischen Text. Beim Laufen wurde munter diskutiert.

Die laue Sommernacht hatte inzwischen den Tag gänzlich verdrängt, und die Lichtkegel der Taschenlampen geisterten munter durch den Forst.
So traten wir am anderen Ende des Zeitzer Tiergartens auf das freie Feld hinaus, auf dem zuvor eine mit Lichterketten drapierte Stärkung deponiert worden war. Für einen Moment, legten wir uns in das feucht gewordene Gras, schlossen die Augen und lauschten der Nacht.
Durch die Fledermaus-Allee wandernd, hörten wir dem aufgebrachten Peter Viel zu, der sich in seinem essayistischen Text zu Möglichkeiten und Grenzen einer freien Lebensgestaltung abarbeitete.
Auffällig war, dass die Beiträge, anders als zur Konferenz im letzten Jahr, nicht so sehr Unfreiheiten, also negative Freiheiten behandelten. Vielmehr gab es gewissermaßen eine kollektive Status – Quo – Erfassung, sowie ein Nachsinnen über das Schaffen von Frei – Räumen. Wo sind wir frei, wo in dieser Freiheit bedroht?
In vielen Beiträgen klang an, dass es Freiheiten, wo auch immer man sie findet, zu schützen und auch einzufordern gilt. Denn wer sonst wird sich um sie kümmern, wenn nicht wir selbst?
Im weiteren Durchschreiten der hochgewachsenen Wiesen nahe der ehemaligen Bahnschienen, bat uns Johannes Lundershausen, uns umzublicken, und in der nächtlichen Wiese nach etwas zu suchen, was wir als unmittelbar schön empfänden.
Der Spaziergang schloss mit dem Emporhalten von Wunderkerzen, einer gemeinsame Schreiübung (befreiend), bei der wir unter Anleitung der Sprechwissenschaftlerin Ulrike Kerrmann unsere Stimmen erhoben, und einem Mundharmonika-Stück von Willi Zwönitzer am alten Stadtbad.

Erschöpft und voll rauschender Gedanken kehrten wir zum Kloster zurück. Die Zelte waren schon aufgeschlagen, also blieb uns der Rest des Abends, um am Lagerfeuer zu verweilen und unsere Gespräche fortzusetzen.
Die Nacht wurde lang, und der Morgen kam rasch, alsbald fanden wir uns zum Frühstück beisammen. Nachdem im Vorjahr der Wunsch nach konstruktiverem Arbeiten zur Sprache gekommen war, mündete die Konferenz in eine Gruppenarbeit, bei der fünf Fragen zum Thema Freiheit gemeinsam bearbeitet wurden. Dafür standen Kameras, Collagiermaterialien, aber auch Stift und Zettel zur Verfügung. In der großen Scheune mit ihrem hohen Holzgebälk wurde so z.B. versucht, Bewusstseinsgrenzen auf einem großen Plakat als einfache geometrische Formen darzustellen, auf dass man sie dann überklettern könne.
Am frühen Nachmittag ging die Konferenz zu Ende. Arbeit, Studium und Projekte riefen die Leute zackig auf den Plan. Eine kleine Gruppe jedoch machte noch einen Ausflug ins naheliegende Dorf Göbitz, und ließ das Erlebte dort bei Kaffee und Kuchen nachklingen. Mit vielen Gedanken, die sich hoffentlich 2019 in einer Fortsetzung aufgreifen lassen, vielleicht in einem weiteren Nachtspaziergang oder einer neuen Form, strömten die Teilnehmenden wieder in ihren jeweiligen Alltag zurück.
Zeit ist kostbar, das haben wir auch in diesem Jahr wieder gemerkt: Schwer fiel es uns, genug Zeit für die Vorbereitungen zu finden, ohne in Tumult zu geraten; schwer viel es vielen Geladenen, sich die Zeit für den Denk-Raum Freiheit frei zu schaufeln.
Zugleich: umso schöner und wichtiger ist es, zu sehen, wie eine Gruppe von Menschen, die sich untereinander wenig oder gar nicht kennen, innerhalb eines Tages so freundlich und unmittelbar in Austausch miteinander tritt, und wie groß der Bedarf am Thema Freiheit ist.
Freiheiten erhalten bedeutet auch, solchem freien gedanklichen Schweben und Forschen Raum zu geben. Die Welt dreht sich so oder so immer weiter…. Das mag manchen davon abhalten, den schier unmöglich erscheinenden Versuch überhaupt zu wagen, Veränderung in der Welt zu formulieren oder gar in Angriff zunehmen. Zu eng scheinen der Geldbeutel, der Zeitplan für die nächsten Monate, zu oft wurde das Gespräch mit Freunden zum Thema abgebrochen, weil keine Zeit mehr da war. Zu fremd ist uns das Wort “Utopie” geworden.
Trauen wir uns, uns konstruktiv mit der Gestaltung unserer, dieser einzigen, zukünftigen Welt zu befassen? Ich denke, wir müssen es. Engstirnigkeit und Dummheit weisen uns täglich darauf hin. Oft kommt die Frustration, bevor überhaupt ein Lösungsversuch unternommen wird. Aber — so Dirk Schuck in seinem Beitrag via Videochat:

„Da interessante ist, dass diese Denkgrenzen in den Köpfen immer wieder neu befestigt werden müssen.“

Das bedeutet auch, dass man sie immer wieder überklettern und einreißen kann.

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Den Ergebnissen des Workshops am Sonntagvormittag wird im Oktober ein zweiter Artikel gewidmet.

Im Juli 2018 erschien, parallell zur zweiten Konferenz das “Heft über Freiheit 1. Versuch: Alles offen – Überall Grenzen“. Die Broschüre blickt zurück auf die erste experimentelle Freiheitskonferenz in Göbitz 2017. Sie versammelt Essays, Texte, ein Gedicht, Bildmaterial und Briefe, in denen junge Menschen über Freiheiten und Unfreiheiten nachdenken, gesellschaftliche Entwicklungen beschreiben und neue Fragen und Horizonte ins Auge fassen. Allesamt sind es Beiträge der Teilnehmenden eben jener Konferenz, die aus ganz verschiedenen gesellschaftlichen Winkeln, wie Kunst, Pädagogik, Handwerk oder Informatik, auf die Welt blicken. (Hier zu erwerben)

Bei Interesse, über die Freiheitskonferenz auf dem laufenden zu bleiben, einfach eine Email mit dem Betreff “Rundbrief” an freiheitskonferenzÄTTposteo.de senden.

Fotos: Philipp Baumgarten

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