Gelebte Freiheit: Ein Ausflug ins Wendland zur Kulturellen Landpartie

Samstag Vormittag im unterkühlten IC auf dem Weg Richtung Magdeburg, um mich herum besprechen Familien in Outdoor-Kleidung die Wochenendplanung, alle sind irgendwohin unterwegs. Ich selbst bin auf dem Weg ins Wendland.Kürzlich saß ich in größerer Runde an einem Lagerfeuer und fragte in die Runde, ob wer schon Mal im Wendland gewesen sei oder was drüber wüsste. Nichts, schallte es zurück, da sind Kühe und Wiesen that’s it. Einige Wochen zuvor erzählte mir jemand von der kulturellen Landpartie, die jedes Jahr im Wendland stattfindet – eine Sammelsurium, das sich auf den ersten Internetblick als eine ziemlich bunte umfangsreiche Veranstaltungsreihe in allen möglichen Orten präsentierte.
Meine Neugier war geweckt, also brachte ich mein uraltes Fahrrad soweit auf Vordermann, dass sowohl dass Fahrrad, als auch ich einigermaße in der Lage waren, einen solchen Trip heil zu überstehen, lieh mir Leichtgewichtzelt, Hobokocher und Fahrradtasche und fuhr los.

Mein Zielbahnhof Schnega, nur der erste einer Reihe ebenso außergewöhnlicher wie verstörender Ortsnamen ( Spricht man „Prezier“ nun  französisch aus?1, Gleiche Frage bei „Mamoissel“, und wo liegt bei „Diahren“ die Betonung?) ist der erste Ort, der seinem Bahnhof einen eigenen Ortsteil gewidmet hat. Ich fahre direkt los, es ist der 19. Mai, ich  bugsiere mein Fahrrad aus dem Zug und rolle los. Nach 100 Metern kreuzt ein alter Mercedes die kleine Landstraße, aus einem Polo steigt ein elegant gekleideter Herr mit Zylinder und Instrumentenkoffer, winkt dankend und hastet zum Bahnhof. Ich muss schmunzeln, biege auf eine Allee alter Obstbäume, und bin zunächst schwer damit beschäftigt, die gute Luft einzuatmen. Am Feldrand seltene Kornblumen, ich wünschte, ich hätte eine vernünftige Filmkamera dabei oder könnte direkt eine Tuschezeichnung anfertigen.
Klinkerarchitekturen, gepflegte Vorgärten, Mischwälder. Ich halte am Café Storchenblick, habe mir gesagt, dass ich alles ausprobiere, was mir so über den Weg läuft. Erkundungsrituale. Ich lasse also im ehemaligen Schweinestall, der jetzt ein Zen-Garten ist ein Korkboot mit Kerze zu Wasser, überfliege mit einem Stift in der Hand im Gras sitzend den Reisebegleiter, ein Beiheft zur Partie und markiere Interessantes.

Die Landpartie gibt es seit 29 Jahren und sie erstreckt sich von Himmelfahrt bis zum Ende des Pfingstwochenendes. Sie besteht aus verschiedenen kulturellen, politischen, ökologischen Veranstaltungen und Workshops, die auf unzählige Dörfer und Höfe verteilt sind (sogenannte Wunde.r.punkte).

Mein einziges Eintrittsgeld ist das kleine blaue Heftchen, was für die nächsten Tage mein Begleiter wird. Als ich wieder zum Fahrrad gehe, bemerke ich, dass eine Speiche abgebrochen ist. Da spricht mich direkt ein Paar an, fragt, ob sie helfen können. Geben mir alle möglichen Tipps. Hinter dem Rhababerfeld am Bach im nächsten Dorf lasse es sich gut zelten. An der Art und Weise, wie sie über die KLP sprechen, erkenne ich, sie waren schon zahlreiche Male hier unterwegs, und ich ahne, es gibt einen stummen Verhaltenkodex freundlicher Art, der nirgendwo mehr als angedeutet oder in einzelnen Symbolen formuliert ist. Verbotsschilder gibt es hier wenige. Die einzigen, die ich überall sehe, betreffen das Parken in den Dörfern. Hier zeigt sich eine Herausforderung unserer Zeit in gewohnter Absurdität: Wie kann es sein, dass soviele Leute zu einem Festival, was man durchaus als der Nachhaltigkeit gewidmet bezeichnen kann oder sogar muss, mit dem Auto anreisen, und sanftgrüne Dorfwiesen zuparken? Im Editorial des Reisebegleitheftes spricht man von Blechlawinen. Das KLP-Team, das ohne Vorstand auskommt und basisdemokratisch organisiert ist, hat deswegen reagiert und einen Bus eingerichtet, der die ganze Zeit die Ortschaften umfährt und Fahrradlose von Ort zu Ort bringt.

Als ich weiterfahre merke ich, wie erstaunt ich über die Freundlichkeit der Leute hier bin. Natürlich ist diese Woche gewissermaßen der Gastlichkeit an sich verschrieben, aber dennoch, es gibt einen Umgang miteinander, der ebenso einladend, rücksichtsvoll wie offen ist.  Überall sind Zeltplätze, Busse, Familien, Radfahrerkombos. Nirgendwo liegt Müll rum, es herrscht eine generelle Stimmung der Hilfsbereitschaft.

Je weiter nördlich ich mich bewege, desto mehr alte bäuerliche Architekturen säumen meinen Weg. Lichtreflexe tanzen auf alten Backsteinmauern, in denen hellblaue Fensterrahmen aus Holz sitzen, alte Eichenbäume spenden Schatten, überall Werkzeuge und Fenster und Licht.
Ganz besonders sind die denkmalgeschützten Rundlingsdörfer. Ein Nicht-Rundlingsdorf ist hier eher eine Seltenheit. Rundlingsdorf bedeutet, dass die Häuser sonnenstrahlenartig um den Dorfplatz angeordnet sind.2 Die Gärten bzw. Felder befinden sich jeweils an der Hinterseite der Gehöfte. Ich frage mich, inwieweit die gut funktionierende Vernetzung in dieser Gegend durch solche Architekturen begünstigt wird. Alle müssen vor die Türe treten, dann bilden sie schon einen Kreis – mit dem Schutzraum des Eigenheims sicher im Rücken. Eine gute Basis für Kommunikation.

Die meisten Häuser hier sind deutlich größer und weiter, als in Thüringen oder Sachsen, die thüringer Fachwerkarchitekturen viel gedrungener. Hier ist alles an den altertümlichen Häusern irgendwie groß, aber die Bauweise spricht nicht von Überhöhung oder Luxus, sondern von großen Landmaschinen, Familien und Lagerräumen – von Nutzraum anstatt Luxusraum. Beispielsweise waren die Stallungen z.T. Teil des Haupthauses. Und der Luxusraum ergab und ergibt sich stattdessen aus der Gemeinschaft?

In Seelwig komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, ein weiterer Hof, in dem an allen Ecken und Enden junge wie alte Leute im Gras und an Tischen sitzen.  Im Wendland werden dieser Tage rituelle Lieder in Schwitzhütten gesungen, es gibt Vorträge zur Postwachstumsbewegung, Einblicke in die Organisationsstrukturen von Kommunen, Solidarischer Landwirtschaft. Konzerte, Zaubereidarbietungen und Anti-Atomare Waffeln. An einer alten Scheune lese ich: We Shell Overcome.
Ich komme auf einem kleinen Hof in Seelwig bei Clenze mit Elisabeth, einer Schmuckgestalterin ins Gespräch und frage sie, wie es denn dazu kam, dass das Wendland sich so gemausert hat, und was das mit den Anti-Atom-Protesten in Gorleben und Umgebung zu tun hat. Sie lacht und sagt mir, dass das alles daraus hervor gegangen sei – man hatte eben einen gemeinsamen Feind, und daraus hat sich dann Vieles andere entwickelt. Die Proteste, die Situation in Gorleben heute und der Rück- und Ausblick auf die verschiedenen Widerstandsformen sind allerorts Thema. Es gibt Ausstellungen, Informationsmaterial,  die LandwirtInnen beziehen Stellung.

Bei einer Kommunenführung3 wird es besonders spannend: Die Gäste löchern die beiden Kommunvertreter regelrecht mit Fragen. Sie berichten unter anderem, dass sie gemeinsam eine Gärtnerei betreiben und gemeinsam wohnen. Sie organisieren sich dabei über mehrere Vereine, aber niemand derer, die einziehen, erwirbt Eigentum am Boden – es verbleibt beim Verein.4 Zudem gibt es innerhalb der Kommune eine gemeinsame Ökonomie, nur Kleinstbeträge dürfen ohne Absprache ausgeben werden. Dies geht damit einher, dass, wenn jemand einzieht, individuelle Verträge darüber geschlossen werden, welchen Besitz er oder sie beim Auszug wieder mitnehmen möchte (z.B. Werkzeug). Besitz wird für die Gemeinschaft zur Verfügung gestellt.  Auf über-kommunaler Ebene gibt es monatlich ein Treffen, bei dem sich die verschiedenen Projekt in der Region über Probleme, Ideen etc. austauschen.
Auf dem Weg von Dorf zu Dorf erspähe ich einige Störche, die auf den Feldern nach Nahrung picken. Was die Orientierung angeht, zwingt die KLP den Reisenden quasi zur Kommunikation mit anderen Neugierigen, denn seit jeher werden Ortsschilder übermalt, Afrin statt Püggen, Rojava statt Diahren. Hintergedanke dabei ist, die Präsenz von Raum zu verlagern; Afrin ist überall. Es geht um politische Solidarität, die sich während der KLP in verschiedenen Veranstaltungen manifestiert. Sie kommt dabei ohne Dogmen aus, ohne Manifest – die Themen, die sich nach oben schwimmen, sind relevant, sind präsent und werden diskutiert.
Es ist ganz schön viel los, der Andrang ist enorm. Ich suche Zuflucht in einem Garten, in dem ein älterer Herr eine Führung gibt: Er hat zwischen Vergißmeinnicht, Heuwiese und seltenen Ulmen das Sonnensystem nachgebaut und beschreitet es mit seinen Gästen. Ganz am Rande seines Grundstücks, wo ein Auenwald Schatten spendet (an der Grenze unseres Sonnensystems) erzählt er von der riesigen Menge an anderen Sonnensystemen, von denen wir im All umgeben sind. 100 Meter entfernt, etwa beim Planet Neptun, pfeift zeitgleich ein Besucher auf dem Grashalm, was dem kosmischen Moment ein wenig von seiner Weite raubt, oder uns zumindest direkt wieder auf den Erdenball zurück verfrachtet.

Sonntag Abend in Mamoissel nimmt ein Feuershow-Duo alle möglichen romantischen Symboliken auf die Schippe, zündet den Papiersingvogel im Käfig an und pustet einen knisternden Funkenregen in die Luft, der selbst den Erwachsenen einen Laut des Staunens entlockt. Am nächsten Morgen schnüre ich mein Zelt zusammen,es geht zurück gen Süden, und vertäue alles auf dem Gepäckträger. Mein Hinterreifen ist inzwischen fast platt, meine Beine zieren circa 40 Mückenstiche und ich habe mir mein Reisehandtuch auf den Kopf gebunden, um mich vor der prallen Sonne zu schützen, die vom Himmel brennt, weshalb ich wohl einen recht bizarren Anblick biete. Außerdem bin ich pleite, aber das ist meine Angelgenheit, denn über die Preise bei der KLP kann man nicht meckern – Vieles läuft über den Hut, ein Abkassieren am Eingang ist eher Ausnahme, und auch die abwechslungsreiche ökologisch-regionale Verköstigung ist bezahlbar und vor allem höchst schmackhaft.
Als ich Montag Nachmittag gen Süden Richtung Ortsteil Bahnhof Schnega radle, bin ich ganz und gar überschüttet mit Eindrücken. Langsam ändert sich die Landschaft, weniger wohl genährte Rinder, weniger Holzgattter, mehr Rhododendronfestungen, die ein oder andere Deutschlandfahne und weiß-graue, neue Betonarchitekturen. Drei leere Mixdrinkdosen rollen auf der Landstraße im Wind, ein silbernes Raumschiff mit Dieselfahne und weißbärtigem Piloten in Leinengewand düst an mir vorbei, in meinem Kopf überschlagen sich Gedanken zu Netzwerken des nachhaltigen Gesellschaftwandels.

In einem Beitrag des Deutschlandfunks wurde im Rückblick die Kritik laut, bei der Kulturellen Landpartie handele es sich vorrangig um eine Art grünes Kommerz-Wochenende. Auch mir fiel die recht große Anzahl an neuen Autos, aus denen vermutlich gut betuchte LandtouristInnen ausstiegen, auf. Eine noch größere Schar an jenen Gästen, die an einem politischen Austausch interessiert sind, wäre großartig, doch anhand meines persönlichen Eindrucks bietet die KLP an vielen Stellen exakt dafür Raum – Wir müssen ihn bloß nutzen,so wie es an zahlreichen Wunderpunkten schon geschieht. Die Basis dieses Projekts ist schließlich der gemeinsamen Widerstand, der sich hin zu einer diversifizierten Ansiedlung von Projekten entwickelt hat und weiter entwickelt,und so ist es an den BesucherInnen, diese Entwicklung wahrzunehmen und daraus gegenwärtiges wie zukünftiges Verhalten und Handeln abzuleiten.

Das erste Mal ist mir eine Region begegnet, der es gelingt, einen flächendeckenden Wandel hinsichtlich ökologischer Landwirtschaft, vielseitiger kultureller Gesellschaft, Regionalität, Ökologie und bestimmter politischer Setzungen nach und nach umzusetzen, aus dem Kleinen heraus, in stetigen Austausch, und sicher mit vielerlei Entbehrungen und Hürden. Aber es ist möglich.

1. Die DB bringt auf der Rückfahrt Klarheit: Nein.

2. Siehe auch: http://www.rundlingsdorf.de/das-geheimnis-der-rundlinge.html

3. Siehe auch: Website der Kommune Güstritz: http://www.kommune-guestritz.de/Joomla/index.php/de/

4. Siehe dazu: Aktuelle Ausgabe des Architektur / Urbanitätmagazins Arch+, Ausgabe zu Eigentum und Gemeingut / Commons: http://www.archplus.net/home/news/7,1-16822,1,0.html sowie Editorial: http://www.archplus.net/download/artikel/4880/

Siehe auch:

Meuchefitz – ein selbstverwaltetes Zentrum für verschiedenste gesellschaftliche und politische Themen: http://meuchefitz.de/

 

 
Anna
 

 

 

 

 

 

 

 

 

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