A Highway Behind Your Shoulder

The American Road, Freak-Power und der Weg in die Zukunft

Die Straße als Symbol für Freiheit im amerikanischen Film seit 1950, als Metapher für gesellschaftliche Entwicklung und Stillstand anhand zweier Werke von Ernst Bloch und Hunter S. Thompson

von Anna Friedrich

Die Stadt in der ich groß geworden bin, ist eine Stadt voll vergessenem Prunk, in die Senken gewuchtete Quadergebäude und leise Straßen mit bescheidenen Menschen. Die interessantesten Orte vor allem während der Teenage-Years waren dort, neben den Wiesen am Stadtrand, vor allem Manifestationen von Verkehr. Signale von „Ich kann hier weg“, Verheißungen von mehr als Geranien und Eigenheimträumen. Menschen, die sich bewegen, kommen hier vorbei. Zuhause gefühlt habe ich mich in besagter Stadt nie, besuchte auch nie dort die Schule. Irgendwie sind Straßen und Asphalt für mich über die Jahre zu einer Art Heiligtum geworden, warum genau, dass weiß ich nicht, und das möchte ich auch gar nicht ergründen, jedenfalls nicht heute. Aber fest steht: sie, die Straße, von Wandergesellen liebevoll „Matilda“ genannt und mit einem Schluck Bier begossen, symbolisiert Bewegung, sei sie frei, oder als monotoner Alltagsstreifen, den man hin und her fährt. Sie ist auch Symbol der Industrialisierung, Motorisierung und der Beherrschung der Natur. Heutzutage meist gebaut aus Materialien, die Zeit und Sonne und Erdkraft alsbald aufbrechen, brüchig machen. Aber das soll hier nicht Thema sein.  Nehmen wir also die Straße und legen wir sie neben die Schiene der Zeit. Zunächst fahren wir rückwärts bis in die Kriegsjahre des Zweiten Weltkriegs:

Ernst Bloch, verfasste damals im amerikanischen Exil in New York das umfangreiche Werk „Das Prinzip Hoffnung“, das sich u.a. mit repressiven Regimen, politischer Utopie und dem Thema Tagtraum befasst. Im ersten Teil des Buches  stellt Bloch grundsätzliche Überlegungen zur Entwicklung von Wunsch und Begierde an und setzt diese mit den verschiedenen Lebensstufen in’s Verhältnis.

We Start Out Empty

I move. From early on we are searching. All we do is crave, cry out. Do not have what we want.

Bloch, Ernst: The Principle of Hope. Volume One. Übersetzt von Neville Plaice, Stephen Plaice und Paul Knight. hg. von The MIT Press, Cambridge, Massachusetts, dritte Auflage, 1996, S.72

Ungelenkte kindliche Bewegung als erste Strategie der Weltentdeckung, Ernst Bloch und das vorgestellte junge Menschenwesen manövrieren sich durch eine noch vernebelte Welt, können nicht klar sehen oder sich artikulieren.

Wege und Straßen gibt es seit tausenden von Jahren, aber bis auf die alten Handelwege Roms waren es doch eher Pfade, Feldwege oder Straßen zu Wasser.  Besonders das Land dessen Highway oder Route66 Blechschild heute so manche ostdeutsche Garage ziert, war lange eines, wo die Straßen nur Pfade waren und wenn dann den Indianern gehörten. Ein ausgeklügeltes, vermeintlich unfehlbares Schildersystem und „Straßenführung“ sind Erscheinungen der Neuzeit. Asphalt als Baustoff reicht jedoch bis in die Zeit des alten Babylons zurück, zu der damit die Straßenfugen vermörtelt wurden.  Nach einer Zeit großer Unbeliebtheit wird der Asphalt Anfang des 20. Jahrhunderts durch eine günstige Preislage zum beliebten Baumaterial.

Auch in der Musikkultur des letzten Jahrhunderts brechen sich schließlich Verkehr und Motorisierung Bahn. Besangen die us-amerikanischen Blues-Legenden noch mehrheitlich und in tiefer Verzweiflung die Schiene, auf der die Geliebte mit dem Zug in die weite Ferne reist, tauchte ab den 50er und 60er Jahren, wo der Wirtschaftsaufschwung den eigenen Kleinwagen auf der nördlichen Erdhalbkugel vermehrt möglich machte, und die großen Autoindustriezentren ihre Blütezeit erlebten, auch der PKW immer mehr auf.

Also lauschen wir nun zunächst Leonhard Cohen: Der letztes Jahr verstorbene Musiker spricht in „A Stranger Song“ ebenso sehnsüchtig wie traurig über Erinnerung, Gambling und die Metapher des Highways:

Ah you hate to see another tired man
Lay down his hand
Like he was giving up the holy game of poker
And while he talks his dreams to sleep
You notice there’s a highway
That is curling up like smoke above his shoulder
It is curling just like smoke above his shoulder.

You tell him to come in sit down
But something makes you turn around
The door is open you can’t close your shelter
You try the handle of the road
It opens do not be afraid
It’s you my love, you who are the stranger
It’s you my love, you who are the stranger.

Quelle: Cohen, Leonhard: The Stranger Song, Songs Of Leonhard Cohen, 1967.

Wir sind on that road. Während das Narrativ der Straße weiter durch Popkultur, Werbung und Alltag geistert, in den USA Werbefilme für neugebaute Highways entsteht, wenden wir uns nochmals Ernst Blochs einige  Jahre zuvor entstandenen zaghaften, utopischen Forumlierungen zu:

Much Tastes of More

But we also learn to wait. Because what a child wishes seldom comes in time. We even wait for wishing itself, until it becomes clearer. A child grasps at everything to find out what it means. Tosses everything aside again, is restlessly curious and does not know what about.But already here the freshness, the otherness lives, of which we dream. Boys destroy what they are given, they search for more, unpack the box. Nobody could name it or has ever received it. So what is ours slips away, is not yet here.

Bloch, Ernst: The Principle of Hope. Volume One. Übersetzt von Neville Plaice, Stephen Plaice und Paul Knight. hg. von The MIT Press, Cambridge, Massachusetts, dritte Auflage, 1996, S.21

(…)

Who drives on within us? We move, are warm and keen. Everything living is aroused, and first of all by itself. It breathes, as long as it exists, and stimulates us. To keep on bringing us to the boil, from below.

Bloch, Ernst: The Principle of Hope. Volume One. Übersetzt von Neville Plaice, Stephen Plaice und Paul Knight. hg. von The MIT Press, Cambridge, Massachusetts, dritte Auflage, 1996, S.45

Easy Rider1

Doch allzu lange bleibt die Strecke nicht frei. Wir waren eine Weile unterwegs. Haben die frische Luft der Straße eingeatmet. Wissen wie es geht. Haben System. Aber wir müssen ausruhen. Wir halten an bei einem Stockholmer Fernsehstudio im Jahr 1976, in dem Patti Smith zu Gast ist.

Wir versuchen ihre Worte ernst zu nehmen. Damals tat man es wohl auch. Aber man kennt die Phrasen: Was wurde bloß aus den 68ern? Aber versuchen wir unseren eigenen Weg zu gehen, weiterzufahren und von der Main Road abzubiegen.

Psycho2
North By Northwest 23
Harold and Maude 5Harold and Maude 3

4

Manch einer wurde geschnappt oder als Spinner bezeichnet, letzteres geschah sicher auch Hunter S.Thompson das ein oder andere Mal. An dieser Stelle empfehle ich die Lektüre des Buches „Das Beste aus den Gonzo Papers“, in dem Thompson neben Vielem anderen auch seine Schwierigkeiten beschreibt, von der bloßen Kritik des Widerlichen abzuweichen und sich zur Formulierung von Utopie durchzuringen.

Die Welt ist befremdlich. Manche Leute werden reich, andere fressen Scheiße und krepieren. Ein verfetteter Mensch wird spüren, wie sein Herz zerplatzt, und es schön nennen, wer weiß Sollte es tatsächlich einen Himmel geben und eine Hölle, können wir mit Sicherheit nur sagen, dass die Hölle eine gemeingefährlich überbevölkerte Variante von Phoneix sein wird- ein sauberer, hell erleuchteter Ort voller Sonnenschein und fader Spießer und schneller Autos, an dem so gut wie jedermann ansatzweise glücklich erscheint, abgesehen von denjenigen, die im Innersten wissen, was ihnen fehlt… Und die langsam und leise in jene Art endgültigen Wahnsinns getrieben werden, der sich einstellt, wenn man zum Schluss feststellt, dass gerade das eine, wonach man allermeisten trachtet, nicht da ist. Es fehlt. Ist im Auftragsrückstand. No tengo. Vaya con Dios. Werdet erwachsen! Kleiner ist besser. Nehmt, was ihr kriegen könnt…

(…)

Sich den Himmel auszumalen ist schon ein bisschen schwieriger.

Thompson, Hunter S. : Gonzo Generation, das Beste aus den Gonzo Papers. Hg von Verlagsgruppe Randomhouse, zweite Auflage, 2017, S. 300F

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In Steven Spielbergs Abschlussfilm an der Filmschule wird das Auto, genauer gesagt der abgasvergilbte LKW zum Inbegriff des Bösen. Ein Cowboy-Stiefel hinter einer rostigen Tür, ein nie zu sehender Fahrer und eine schier endlose Straße, das Böse, was auch Hunter S. Thompson in seinem Werk beschäftigt. Sagen wir also, sie sind uns verflixt nah auf die Pelle gerückt, die Zeiten werden düsterer und wir wissen auch nicht genau, wohin. Aber wir fahren weiter.

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Die Abschlussszene des brennenden Motorrads aus Peter Fondas Film „Easy Rider“ kann als Symbol einer politisch repressiven Kehrtwende gelesen werden. Ein eigentlich leichtfüßiger, wenn auch mit tiefen Themen befasster Film, kehrt sich, damals zur Verwunderung der Zuschauer und Kritiker, mit einem Schuss in ein Drama um. Ein vorbeifahrender Mann in einem Trucks schießt auf beide Reisenden. Danach endet der Film, die Kamera zoomt aus dem Geschehen heraus, die leere Straße, das Feuer, der Rauch, die Stille.

Aber wir sind jetzt hier. Ganz woanders. 2017. Wir sind ein kleines Stück mit Ernst Bloch Taxi gefahren, der uns dabei klarmachte, das Tagträume durchaus ein ernstzunehmendes Werkzeug zum Erarbeiten einer wünschenswerten Zukunft darstellen können, haben gelauscht wie sich Hunter S Thompson über Dreck, Dummheit und Konsum auslässt, und haben mit Maude eine besondere Form von zivilem Ungehorsam kennengelernt. Nun sind wir gefragt. Dafür blicken wir nochmals zurück in die späten 60er Jahre, eine Zeit, die in gewisser Weise Parallelen zur heutigen Lage der Welt aufweist. Dafür wenden wir uns der Politik zu.

Der bereits zuvor zitierte amerikanische Journalist und Schriftsteller Hunter S. Thompson ist dem einen oder der anderen für seine trippigen Bücher über Drogenkonsum, Ausgeburten des amerikanischen Traums und wohl vor allem für den Film „Fear and Loathing in Las Vegas“ bekannt, obwohl sein Werk doch auch vor allem ein Politisches ist. Jahrelang rastlos in den Unruhen und Umwälzungen der US-amerikanischen Politik unterwegs, kandidierte er in den 70er Jahren sogar selbst für ein lokal politisches Amt. Nach der Wahl des ihm verhassten Richard Nixon zum Präsidenten im Jahr 1969 trat er im Rahmen der Freak-Power Bewegung für das Amt des Sheriffs in Aspen, Colorado an. Aspen, eine Stadt in der der Tourismus die Preise in die Höhe klettern ließ, war zu dieser Zeit eine Gegend in der sich viele Hippies niederließen. Hunter selbst lebte auf der legendären Owl Farm in den Bergen. Die Kampagne konnte stellenweise als Satire gelesen werden, umfasste aber, als Spiegel der repressiven Vorgehen gegen die 68er Demonstrationen seitens der Politik, ernste, tiefe Forderungen nach einer menschlicheren Politik. In seinem Wahlprogramm liest man unter anderen von der Forderung, die Stadt autofrei zu machen, den Asphalt zu entfernen und die Straßen mit Rasen zu begrünen. Des Weiteren schlägt er vor, die örtliche Polizei mit der Wartung einer Fahrradflotte zu beauftragen. Weitaus geschickter noch ist der Vorschlag, die Stadt in „Fat City“ umzubenennen, um sie somit für Immobilienspekulation und andere übermäßige Handelsaktivitäten unattraktiv zu machen. 7

Quelle: Thompson, Hunter S. : Gonzo Generation, das Beste aus den Gonzo Papers. Hg von Verlagsgruppe Randomhouse, zweite Auflage, 2017, S. 148f

Alles Hier gesammelte und gesagte läuft vor allem auf eine Sache hinaus: Wir müssen beginnen, Entwürfe für ein besseres Leben zu formulieren, es ist höchste Zeit. Über Sachsen verdunkelt sich der Himmel, im öffentlichen Raum geht die Blickachse weitestgehend nur noch ins Telefon hinein und die Gullis fangen an immer ärger zu stinken. Wir müssen anfangen, uns mehr mit Lebensentwürfen zu befassen, die wir gut finden und diese diskutieren. Stets die teuflische Kraft von Dogma und Stillstand im Hinterkopf, müssen wir Forderungen aufstellen. Keine Angst mehr haben vor der Formulierung von utopischen Gedanken. Freak Power!

1. Still aus Peter Fondas „Easy Rider“ 1969

2. Still aus Alfred Hitchcocks „Psycho“, 1960

3. Stills aus Alfred Hitchcocks „North By Northwest“,1959

4. Stills aus Hal Ashbys „Harold and Maude“, 1971

5. Still aus Steven Spielbergs „Duel“, 1971

6. Siehe auch: NIXON UND WATERGATE: http://www.deutschlandfunk.de/vor-30-jahren-trat-richard-nixon-zurueck.871.de.html?dram:article_id=124878

7. Siehe auch: FREAKPOWER POSTER EXHIBITION AND FOOTAGE: http://www.freakpower.com/collection/

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